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Unerwartete Reise

  • Autorenbild: Kurt
    Kurt
  • 10. Aug. 2021
  • 4 Min. Lesezeit

Lange habe ich mit diesem Beitrag gewartet. Mit der Hoffnung den Bericht positiv abzuschliessen. Dann kam die Ohnmacht, die Hilflosigkeit und die fehlende Energie. Heute führt kein Weg daran vorbei.


Das Leben hat auf seine grausamste Weise gezeigt, dass es für uns, für Nathalie, andere Pläne vorgesehen hat.


In den letzten Wochen unser Erwerbstätigkeit plagten Nathalie Rückenschmerzen. Bald gefolgt von Übelkeit und Erbrechen. Am 29. März waren die Beschwerden so stark, dass ich Frühmorgens mit Nathalie in die Notaufnahme der Klinik Hirslanden fuhr.

Abtasten und Ultraschalluntersuchung zeigten keine Auffälligkeiten. So wurde Nathalie mit Schmerzmittel und beschwerdefrei wieder entlassen.


Wir setzten unsere Pläne fort und flogen am 1. April nach Spanien. Dort standen noch einige Vorbereitungsarbeiten auf Nathi's Finca an. Putzen, Einräumen und unseren geliebten Pflanzen ein schönes Plätzchen geben.







Kaum war jedoch die Wirkung der Schmerzmittel verflogen, kehrten die Schmerzen zurück. Nathalie konnte kaum was essen oder trinken ohne sich bald danach wieder zu übergeben.

Solche Beschwerden schienen noch nachvollziehbar. Schliesslich waren wir in einem erheblichen Umbruch von unserem Leben. Wir haben unser Haus verkauft und unsere Erwerbstätigkeit aufgegeben und wagten uns auf unbestimmte Reisen. Nicht weiter erstaunlich, dass dies Unwohlsein hervorrufen kann.


Nach unserem Aufenthalt in Spanien flogen wir nach Deutschland um unser Reisemobil, unseren Unimog reisefertig zu machen. Nur noch weniges stand an. Spätestens Ende April wollten wir aber auf der Reise sein. Unser erstes Ziel: Nathi's Finca in Spanien.


Rückenschmerzen und Übelkeit haben bei Nathalie nicht nachgelassen. Eine Magenspiegelung am 14. April soll Klarheit bringen. Helicobacter-Bakterien scheinen das Übel zu sein. Eine zehntägige Medikamentenkur soll helfen.

Gegen die Rückenschmerzen versuchte es Nathalie mit Physiotherapie.


Für die finalen Reisevorbereitungen haben wir uns bis Ende April Zeit gegeben. Dazu haben wir ein kleines Hotelzimmer in Bad Bellingen gemietet. Die Voraussetzungen sind da um die Medikamentenkur auszusitzen.


Ab und zu, wenn es Nathalie etwas besser ging, haben wir kleine Ausflüge unternommen.




Gegen Ende der Medikamentenkur schien diese nur bedingt zu wirken. Die Rückenschmerzen wurden immer stärker. Der Gesundheitszustand verschlimmerte sich merklich. Vermehrt machte Atemnot Nathalie Probleme. Ein befreundeter Arzt hat Nathalie dringend empfohlen die Notfallstation vom USZ aufzusuchen.


Nathalie ist am Samstag, 1. Mai als Notfall im USZ aufgenommen worden.

Am 5. Mai erhielt Nathalie die Diagnose Krebs. Der Tumor im Darm hatte bereits Metastasen in Leber, Nebennieren und Rückenwirbel. Und wie sich später herausstellte, auch im Kleinhirn.

Eine Heilung ist nicht möglich. Bestenfalls kann mit Therapie etwas Lebenszeit gewonnen werden. Nathalie hatte sich für eine Bestrahlung mit nachfolgender Chemo- und Immuntherapie entschieden. Wir hofften, dass Nathalie dadurch Lebenszeit und wieder. etwas Lebensqualität bekommt.


Es ist aber leider klar, dass die Reisen, welche wir unternehmen wollten, nicht mehr möglich sein werden. Unser Reisemobil, der Unimog hat für uns keinen Nutzen mehr. Der Unimog wurde am 5. Juni verkauft.


Unsere lieben Ex-Nachbaren in Geroldswil haben uns vorübergehend in ihrem Gästezimmer aufgenommen. Dort hat mir Nathalie am 8. Mai den Heiratsantrag gemacht.

Am 14. Mai 2021 haben wir in Geroldswil geheiratet.


Nach unserer Hochzeit wurden wir bei meiner Schwester und ihrem Mann in Walterswil aufgenommen.


Am 27. Mai wurde mit der Bestrahlung der Rückenwirbel begonnen. Dazu, und weil die Schmerzen unerträglich waren, ging Nathalie für zehn Tage ins Spital. Ich konnte während der ganzen Zeit bei Nathalie sein und auch im Spital bei ihr übernachten.


Am 28. Mai sollte der Port für die kommende Chemotherapie gesetzt werden. Die Operation misslang. Falscher Stolz und Ehrgeiz des Chirurgen verursachten bei Nathalie unerträgliche Qualen. Die Operation wurde von Nathalie nach über einer Stunde abgebrochen.

Nicht nur dass der Port nicht gesetzt werden konnte, der Chirurg verursachte auch noch einen Pneumothorax. In einem Notfalleingriff musste eine Thoraxdrainage eingelegt werden.

Nach diesem erfolglosen Versuch blieb nur noch eine Venenkatheter zu setzen um die kommenden Therapien durchführen zu können.


Meinen 50igsten Geburtstag verbrachen Nathalie und ich im USZ.


Mit der letzen Bestrahlung am 4. Juni konnte Nathalie das Spital verlassen.

Die Rückenschmerzen nahmen langsam ab.


Die Therapie wurde am 8. Juni ambulant gestartet.


Es gab Stunden mit voller Zuversicht. Manchmal viel es schwer die Hoffnung aufrecht zu halten. Nathalie zeigte unglaubliche Grösse. Mit jedem gekämpften und gewonnenen Tag wuchs unsere Liebe.


Mit der Hoffnung auf Lebenszeit und dass einfache Reisen wieder möglich sein werden, haben wir am 22. Juni einen Wohnwagen gekauft. Und schliesslich brauchte Nathalie auf ihrer Finca noch eine Unterkunft für Gäste.


Im Laufe der Zeit konnte Nathalie aber fast nichts mehr essen. Die Zunahme von fester Nahrung führte zu Übelkeit und Erbrechen. Atemnot, Husten und Auswurf lösten ebenfalls oft Erbrechen aus.


Das Atmen viel Nathalie immer schwerer. Seit Anfang Juli ist Nathalie auf Sauerstoffzufuhr angewiesen.


Inzwischen haben Rücken- und Gliederschmerzen wieder zugenommen.

Nach Wochen ohne feste Nahrung wurde am 22. Juli die parenterale Ernährung im USZ angeschlossen. Innert drei Wochen hatte Nathalie 13 Kilo abgenommen.

Um die Ursache für die Übelkeit zu suchen, wurde am 26. Juli ein MRI vom Kopf gemacht. Im Kleinhirn sind weitere Metastasen entdeckt worden. Diese Metastasen könnten verantwortlich für die Übelkeit sein.

Das CT am 27. Juli zeigte keine wesentliche Verbesserungen der betroffenen Organe. Bei einem Rückenwirbel wurde neue eine Fraktur festgestellt.

Mit neuer Einstellung der Schmerzmedikamente konnten die Schmerzen gelindert werden.

Der Gesundheitszustand stellte die Fortführung der Therapie in Frage. Nathalie ist zu schwach um die Chemotherapie fortzusetzen.

Neu kam nun noch Kopfschmerzen hinzu.

Am 30. Juli hat Nathalie das USZ verlassen.


Am 31. Juli äußerte Nathalie den Wunsch zu sterben. Nathalie hat sich für den Freitod entschieden.


Die Qualen und ihr Unwohlsein sind grauenhaft. Das Leid, die Trauer und die Angst in Nathi's Augen zu sehen zerreisst mir das Herz.


Nathalie hatte in den letzten Jahren den neuen Lebensabschnitt gut vorbereitet und sich so sehr auf die Reisen und auf die Zeit auf ihrer Finca gefreut.

Nicht ein einziger Tag wurde ihr gegönnt.


Ich wünschte ich hätte helfen können. Ich wünschte Nathalie hätte nicht so lange leiden müssen. Ich wünschte endlich aus diesem bitterbösen, unbarmherzigen Alptraum zu erwachen.


Nathalie hätte das Glück für ihren neuen Lebensabschnitt verdient.

Ihr Strahlen wenn sie glücklich und zufrieden war, erfreute mein Herz.


Nathalie geht nun auf ihre Reise. Ich kann ihr dorthin noch nicht folgen.


Nathi mein Liebling, mein Schatz. Ich liebe dich.

Deine Wünsche werde ich erfüllen.

Ich wünsche dir eine ruhige und zufriedene Reise. Irgendwann komme ich nach.

Tschüss mein Liebling






 
 
 

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2 Kommentare


muehlebach
13. Aug. 2021

"Gute Menschen gleichen Sternen, sie leuchten noch lange nach ihrem Erlöschen."


Lieber Küde

Liebe Familie


Zutiefst erschüttert haben wir von Nathi's Tod erfahren. Unser allerherzlichstes Beileid und unser tiefes Mitgefühl gelten dir und deiner Familie. Viele Jahre hat Nathi in unserem BVG-Team bei der Zürcher Kantonalbank gearbeitet. Ihre direkte Art, ihr unerschöpfliches Fachwissen und ihr grosses Herz werden uns immer in Erinnerung bleiben.


Mit tiefem Mitgefühl

Eure Freundinnen und Freunde vom BVG-Team

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Urs Seiler
Urs Seiler
11. Aug. 2021

Nathalie


Es ist ein Privileg, dass ich Nathalie kannte und Teil von ihr war.


Wenn ich eine Eigenschaft herausstreichen müsste, dann ist das Nathalies Grosszügigkeit.


Schützen und Schützinnen sind erfrischend offen und direkt, aber völlig frei von Boshaftigkeit. Sie äussern einfach ihre freien Gedanken ohne jegliche Zurückhaltung.


Die Ehrlichkeit und die Ansichten von Schützinnen sind so naiv offen wie die eines Kindes. Ich mag Erwachsene, die Teile ihrer kindlichen Natur, zum Beispiel Romantik, bewahren. Ich bin überzeugt, dass wir als Erwachsene nur ganz sind, wenn wir einen Teil unserer kindlichen Natur behalten.


Nathalie hat mich im Covid-Jahr 2020 und anfangs 2021 gut beraten, wie ich mit meinem Geld umgehen kann. Bei unseren Treffen mit Kurt bot sie mir jeweils Zigaretten…


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